"Complex effect"

"Complex effect"

DAS SCHÖNE vs. DAS HÜBSCHE
DAS SELBSTVERSTÄNDLICHE vs. DAS EINFACHE

posted by Llork

Gedanken:

Fast 100 Jahre nach der Revolution der Moderne steht eine landläufige Meinung scheinbar im Dienste dieser Philosophie: Sie vertritt den Glauben, dass Schönheit in ihrer ursprünglichen, nativen Form in modernen, aufgeklärten Industriegesellschaften keine Relevanz mehr besitzt.

Hilflos agieren Rezipienten heute bei der immer seltener werdenden Gegenwart von Schönheit. Kein Wunder, denn die Natur, der Archetyp der Schönheit, degeneriert. Exponentiell dazu generiert sich menschlicher Output. In Anbetracht dieser effizienten Qualität erscheint das Schöne anmaßend, überbordend, lebendig, ja vor allem aber unberechenbar. Solch ein Ereignis wiederum düpiert eine Welt, deren Protagonisten durch eindimensionales Berechnen herrschen. Einzig das Schlichte, das Einfache, das Eindimensionale erscheint ihnen plausibel, weil es mit ihren eindimensionalen Methoden gerade noch so zu ermessen ist.

Am Anfang dieses Dogmas stand die Maschine. Sie konnte eigentlich nichts besser als der Mensch – außer stupide und schnell zu rapportieren. Dennoch, der einfache Gedanke der Maschine – das Prinzip von Form und Abdruck – setzte sich durch, was einiges über die intellektuelle Leistungsfähigkeit des Menschen aussagt. Mehr als 60 Jahre mussten Menschen fortan der Maschine bei der Verrichtung ihrer Arbeit zusehen, um zu begreifen, dass selbst die schlichteste Methode eine Seele, ein menschliches Antlitz braucht, möchte sie langfristig unter den Menschen existieren. 

Erst waren es die Gewerkschaften, die im Zuge ihres Aufbegehrens gegen die Menschenfeindlichkeit der Maschine mit ihren Forderungen nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen dem Prinzip der Maschine indirekt eine menschlich relevante Komponente abgerungen haben. Erst nach diesem Druck formierten einige Idealisten eine Philosophie, die der Maschine eine auch emotionale Relevanz attestierte (die eindimensionalen Rechner wären dazu nicht in der Lage gewesen, weil sich eine Philosophie für sie, gestern wie heute, nicht unmittelbar gerechnet hätte). 

So kam es zur Epoche der Moderne. Möglicherweise wird diese Epoche, mehr noch als das vermeintlich finstere Mittelalter, einmal als die dunkelste Epoche in die Annalen der Menschheit eingehen. Nicht, weil sie der Maschine huldigte. Nicht wegen des millionenfachen Rapportes eines vergleichbaren Gegenstandes. Vielmehr wegen eines Denkmusters, das nötig ist, um ein Massenprodukt, welches viele Menschen möglicherweise ein wenig, aber keiner richtig liebt, verantwortungslos auf der ganzen Welt zu verbreiten. 

Nicht einmal dieser Aspekt ist radikal negativ zu bewerten. Denn alles menschliche Denken und Handeln baut auf Clustern auf. Nur das exzessive Festhalten an einer bestimmten Auslegung der Definition von Funktionalität, über die Schmerzgrenze aller Lebewesen auf diesem Planeten hinaus, ist bedenklich. Insbesondere die überproportionale Konzentration auf den Aspekt der Effizienz und das Festhalten daran beschreibt den Kern dessen, was wir den "Complex-Effect" nennen.

Complex-Effect:

Nach einer weit verbreiteten Annahme sind die überzeugendsten Erscheinungen immer auch die Schlichtesten. Wobei die Rezipienten mit dem Schlichten gemeinhin das Einfache, das Eindimensionale, das oberflächlich Erfassbare meinen. 

Überzeugende Phänomene sind jedoch niemals schlicht im Sinne von einfach. Vielmehr sind sie hoch komplex. Sie erscheinen dem unbedarften Betrachter selbstverständlich – was ihn zu der Annahme verführt, die Dinge seien einfach.

Grundlage des Complex-Effects ist die Schönheit (Schönheit ist die klügste Methode).