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posted by Llork

HINTERGRUND

Als ehemalige DDR-Bürger können wir aus erster Quelle beurteilen, was es bedeutet, in divergenten Systemen – sowohl im real existierenden Sozialismus als auch in einer real existierenden Demokratie –  zu leben. Als zu jeder Zeit parteilose Individuen waren wir zudem nie in irgend einem politischen Spektralbereich gefärbt. 

Aus diesen Gründen sind wir dafür sensibilisiert, offiziell verkündete Information kritisch zu verarbeiten. Denn wer schon damals darauf angewiesen war, sowohl aus den Nachrichten der ostdeutschen „Aktuellen Kamera“ als auch denen der westdeutschen „Tagesschau“ die wesentliche Substanz zu extrahieren, um die Lage relativ objektiv beurteilen zu können, dem ist es auch heute möglich, jegliche Propaganda kritisch zu hinterfragen und Schein von Sein zu trennen. 

Allein diese Kombination aus Neutralität und Erfahrung aus dem Leben an der jeweiligen Quelle der Ereignisse prädestiniert uns dazu, aus selbst identifizierter und extrahierter Substanz, Neues zu generieren – allein dies ist unser Ziel. 

OBJEKTIVE FAKTOREN

Erst beinahe zwei Dekaden nach der politischen Wende 1990 belegte die fälschlicherweise als Wirtschaftskrise bezeichnete Innovationskrise im Jahre 2008 den Systemfehler unserer real existierenden Marktwirtschaft. Denn dieses Ereignis markierte – nun für jedermann offensichtlich – den Bruch mit den marktwirtschaftlichen Regeln, auf deren Basis der Westen, zumindest bis 1990, erfolgreich agierte.

Natürlich hat sich das System auch schon vor 1990 immer wieder selbst konterkariert. Doch alles geschah in einem Rahmen, der als „nicht systemrelevant“ bezeichnet werden kann. Wie in jedem menschlichen Gefüge beeinträchtigte der „kleine Selbstbetrug“ in Politik und Wirtschaft die Funktionalität des Gesamtgefüges nicht. Als jedoch 1990 von zwei dominanten politisch-wirtschaftlichen Systemen nur das System der kapitalistischen Marktwirtschaft überlebte, hätte sich eben diese kapitalistische Marktwirtschaft fundamental neu ausrichten müssen, um zu verhindern, dass die bis dahin kleinen Fehler im System nicht zu bedrohlichen Ausmaßen anwachsen mit dem Potential, den Absturz einer gesamten Wirtschaftsordnung einleiten zu können.

Der Absturz aber kam. Dabei waren die federführenden Akteure prinzipiell mit allen Werkzeugen ausgestattet, diese Entwicklung zu verhindern. Sie hätten schlicht – so wie es die DNS der Marktwirtschaft gebietet – anstatt auf effizientes Konservieren des Bestandes, auf die Tugenden der Marktwirtschaft setzen müssen. Doch weder eine innovative Weiterentwicklung des Systems selbst, noch der daraus hervorgehenden Produkte wurde initiiert. Vielmehr fokussierte man ab diesem Zeitpunkt sogar verstärkt den Vertrieb der bis dahin gültigen Philosophie und ihrer Produkte – trotz des Wissens aus der Vergangenheit, dass eine neu angebrochene Epoche immer eine Neukalibrierung allen Denkens und Handelns erfordert.

SUBJEKTIVE WAHRNEHMUNG

Gleich zu Beginn unseres Schaffens waren wir sehr erstaunt darüber, dass sich die real existierende Marktwirtschaft identisch zu substanzieller Innovation verhält wie die Planwirtschaft des ehemaligen Ostblocks. So hatten wir schon im Rahmen unserer ersten Aufgaben als freie Produktentwickler in der freien Wirtschaft die Hindernisse zu beklagen, die wir noch aus der real existierenden Planwirtschaft hinsichtlich einer innovativen, wirtschaftlichen Weiterentwicklung kannten. Völlig überraschend wurden wir schon damals mit der Absurdität konfrontiert, dass unsere theoretische Innovationskraft zwar der Theorie des westlichen Wirtschaftsmodells entsprach, unsere reale Innovationskraft jedoch die Möglichkeiten der real existierenden Marktwirtschaft bei weitem überstieg.

An dieser Ambivalenz hat sich bis heute nichts geändert. Wir registrierten sogar in zunehmendem Maße, dass in unserem Wirtschaftsraum nach wie vor eine rückwärts gerichtete Form des Wachstums aus Prozessen generiert werden soll, die auf ebenso antiquierten Denkmustern, Prozessen, Technologien und Wertschöpfungsketten aus den Anfängen der industriellen Revolution basieren, so als hätte es das neue Rad – die digitale Revolution – mit all ihren impliziten Prämissen und ihren unvermeidlichen Auswirkungen nie gegeben. 

Um es auf den Punkt zu bringen: kein einziges der renommierten Unternehmen, die uns je einluden für sie zu arbeiten, hatte den Drive, den wir uns von einem marktwirtschaftlichen Unternehmen auf Grund der medial vorausgeschickten Eigenkommunikation des Systems erhofften. 

FRAGE

In Anbetracht der digitalen Revolution, die diese neue Epoche kennzeichnet, und den Herausforderungen der damit einhergehenden Globalisierung stellt sich ganz allgemein die Frage, warum die führenden Industriestaaten nicht in angemessener Weise in neue, nun nachhaltige Innovationen investierten, wo doch absehbar ist, dass die westliche Form des Wohlstandes in Zukunft nicht auf weitere vier bis fünf Milliarden Menschen übertragen werden kann? 

Im Speziellen stellt sich mit Blick auf eine friedliche Koexistenz von demnächst bald zehn Milliarden, in einer dann westlichen Form des Wohlstandes lebenden Menschen die Frage, warum aus diesen Erkenntnissen keine adäquaten Produkte abgeleitet werden konnten und abgeleitet werden können, die es vermögen, sowohl den zukünftigen Eigenbedarf der Industriestaaten als auch den zukünftigen Bedarf der Schwellen- und Entwicklungsländer zu sichern? 

Zusammenfassend erscheint es verwunderlich, dass die Verfechter einer sich angeblich selbst regulierenden Marktwirtschaft nicht in der Lage waren und immer noch nicht sind, zu erkennen, in welcher Weise und zu welcher Zeit adäquat zu handeln ist, um in dieser jüngst angebrochenen, globalisierten Epoche – einfach ausgedrückt – in jeglicher Hinsicht nur weiter „im Spiel“ bleiben zu können.

PARADOXUM

Paradoxerweise verzeichnet gerade der Westen aus den folgenden drei Gründen den höchsten Bedarf an Innovation:

1.

Der westliche Markt ist mit einer Flut an vergleichbarer Ware überschwemmt. In Anbetracht dieser Übersättigung mit ordinären Massenprodukten, aber auch wegen der sinkenden Kaufkraft und -lust der heimischen Bevölkerung, kann der klassische, effizienzsozialisierte Industriestaatenkunde nicht mehr nachvollziehen, warum er überhaupt noch einen Preis für Dinge zu entrichten hat, die ihm keinen Anreiz mehr bieten. In Folge dessen schrumpft der heimische Absatzmarkt. Das dennoch in der westlichen Welt existente Kapital bleibt nun entweder auf den Konten gebunden, oder es wird gar in anderen Teilen der Welt in Produkte investiert, die in jeglicher Hinsicht attraktiver erscheinen (Reisen, Immobilien, Aktien, etc.).

2.

Abgesehen von der relativen Konsumzurückhaltung der Menschen in den Industriestaaten, emanzipieren sich die Entwicklungs- und Schwellenländer zunehmend von westlichen Importen. Mit steigender Tendenz gehen diese Länder sogar immer mehr dazu über, ihren eigenen Bedarf an Produkten selbst zu decken. Dank ihrer Erfahrungen im Umgang mit den Massentechnologien, an die sie durch das Outsourcing der Produktion der führenden Industriestaaten gelangten, sind sie heute schon in der Lage, den Überschuss zu einem für westliche Hersteller unerreichbar niedrigen Preis in den Westen zu exportieren. Dies bedeutet in Zukunft – selbst bei positiver Interpretation – zumindest das latente Schrumpfen derjenigen Absatzmärkte, vor allem für westliche Hersteller, von denen sich der Westen die meisten Wachstumsimpulse erhoffte.

3.

Betrachtet man den Nachholbedarf an Konsum, den die Schwellenländer gegenüber dem Westen haben, erscheint es momentan noch plausibel, dass sie das Prinzip des ordinären Massenproduktes nutzen, um ihren eigenen Bedarf zu decken. Auf Grund des verhältnismäßig sprunghaft ansteigenden Wohlstandes wird es den Schwellenländern in Kürze mit großer Wahrscheinlichkeit jedoch nicht mehr möglich sein, ihren Wohlstand an Hand dieser Methode weiter zu entwickeln. Denn das westliche Produkt funktioniert ausschließlich dann, wenn die enormen Risiken, welche die Produktion und das Produkt selbst mit sich bringen, in andere Regionen der Welt verklappt werden können. Hier haben die Schwellenländer das Problem, dass auf dieser Erde einfach keine Regionen mehr zur Verfügung stehen, in die sich die Risiken westlicher Produktphilosophie entsorgen lassen (abgesehen vom China-Afrika-Phänomen). Der einzige Ausweg für die Schwellenländer ist also eine neue, nachhaltigere Produktqualität, die den hohen Anforderungen an Nachhaltigkeit gerechter wird als der Old-School-Output des Westens es zu leisten vermag.

FAZIT

Der Westen lahmt, ist satt und deshalb müde. Dementsprechend konventionell ist sein Output, dementsprechend logisch erscheint die Innovationskrise von 2008. Hier begründet sich das Dilemma: Wer satt ist, hat keinen Bedarf und wer keinen Bedarf hat ist nicht innovativ – denn die eine Art der Innovation speist sich immer nur aus Hunger.

Darüber hinaus findet die signifikante Menge an gewöhnlicher Massenproduktion in den Schwellenländern statt. Die damit einhergehenden Impulse für diese andere Art der Innovation, die aus der unmittelbaren Erkenntnis eines verbesserungswürdigen Prozesses entsteht, sind für den Westen weit weg und nicht mehr nachvollziehbar. Ganz selbstverständlich werden die noch hungrigen und klugen Köpfe dieser Länder schnell begreifen, was zu welcher Zeit zu tun ist, um immer besser und damit auch immer weltmarktfähiger zu werden. 

Zwangsläufig wird diese diametrale Koaxialität, in deren Verlauf alle Teilnehmer um das Erlangen von Wachstum und Wohlstand rotieren, für den Westen mit dem Verlust der Vormachtstellung enden, wenn er die Anforderungen der digitalen Epoche weiterhin als nichtig erklärt, indem er die Früchte von gestern konserviert, anstatt neue Samen zu sähen.

KONSEQUENZ

Der Wohlstand in den führenden Industriestaaten hat die Eliten in Politik und Wirtschaft träge werden lassen. Insofern ist die aktive Neukalibrierung der kapitalistischen Marktwirtschaft durch sie nicht zu erwarten. Auch die Selbstregulierung des Marktes scheint hoffnungslos, denn das Verlorengehen des Vermögens sich selbst zu heilen, hat die Innovationskrise seit 2008 manifestiert. Als ehemalige DDR-Bürger, die schon einmal einen Staat aus nächster Nähe haben untergehen sehen, lehnen wir es bezüglich unserer derzeitigen Heimat ab, diesen Prozess in irgendeiner Form zu unterstützen.

Überdies bricht sich die Evolution wie immer ihre Bahn. Das Streben nach Innovation wird – entsprechend den Gesetzen des Kapitalismus – diejenigen belohnen, die den „besten“ Kapitalismus praktizieren. Eine Verlagerung des Potentials von West nach Ost ist sehr wahrscheinlich. Als Visionäre sind wir an dieser Stelle idealistisch eingestellt. Nun wenden wir uns verstärkt denen zu, die unser Potential zu nutzen wissen – den BRICS! Vielleicht können wir auf diese Weise unseren Beitrag leisten, die Welt zu retten :-).