"BREAK EVEN"

"BREAK EVEN"

posted by Llork

VORAUSGESCHICKT

Als dreidimensionale Denker sind wir in der Lage, die Gesamtheit eines Phänomens zu erfassen. Nicht nur das Scannen und Bestimmen der Oberfläche eines dreidimensionalen Objektes ist Teil unserer Fähigkeiten. Auch das Erfassen unsichtbarer Aspekte eines Phänomens zählt zu unserer Expertise. Darüber hinaus besitzen wir das Vermögen Materie auf hohem Niveau mit Geist anzureichern – eine Idee zu identifizieren, Subtanz zu reflektieren, Essenz zu extrahieren – um daraus ein komplexes, artifizielles Endprodukt zu generieren.

Da die Welt des Menschen beinahe nur noch vom artifiziellen Produkt beeinflusst wird – und das artifizielle Produkt im Umkehrschluss scheinbar nur noch in der Lage ist, die Welt des Menschen prägnant zu verändern – sehen wir diesen Bereich als repräsentativ an, denn: Wo ein Prinzip im Kleinen, so auch das Prinzip im Großen. 

Bei dieser Form der Auseinandersetzung können wir uns falsche Bescheidenheit nicht leisten. Insofern nehmen wir uns, bezüglich der Gewissheit, dass der Stamm seine Blätter kennt, die Blätter jedoch lange Zeit nichts von der Existenz des Stammes wissen, die Freiheit, die Innovationsfreudigkeit eines Unternehmens bei der Entwicklung eines z.B. neuen Möbels auf die unternehmerische Leistungsfähigkeit unseres Wirtschaftssystems hochzurechnen. Dieses Selbstbewusstsein in dieser Sache erscheint vielleicht pikant. Es ist jedoch nicht zu verwechseln mit Übermut oder gar Hochmut. Vielmehr ist es Demut, die uns dazu treibt, die identifizierten Mängel unseres Systems zu erforschen und die daraus gewonnen Erkenntnisse zu kommunizieren. 

ALLGEMEIN

Unserer Analyse nach ist der Break Even erreicht. Spätestens seit der Innovationskrise 2008, die auch gerne als Finanz- und Wirtschaftskrise bezeichnet wird, wurde die relativ blühende Demokratie des Westens unterminiert. Allein durch politisch unklug gestellte Weichen sehen wir uns in einer Situation, die im globalen Maßstab – sowohl wirtschaftlich als auch politisch – zunehmend abgeschlagen erscheint. Es sieht ganz danach aus, als ob unsere Heimat („der Westen“) im globalen Kontext in Zukunft nicht mehr wie bisher konkurrenzfähig sein wird, weil die G7-Staaten mit dem Rapport des Geistes einer mittlerweile zur Neige gehenden Epoche ihre einstmalige Innovationsfreudigkeit verspielen. Zu Gunsten der Konservierung etablierter Strukturen und vor allem renditesicherer Machtverhältnisse verhindern sie in der Hoffnung auf den Stillstand der Evolution eine substanzielle Weiterentwicklung eines Systems, dessen DNS es doch eigentlich ist, sich in Intervallen immer wieder substanziell zu häuten. 

VERZERRTE KOMMUNIKATION

Diese Behauptung erscheint mit Blick auf die berauschenden Zahlen speziell der deutschen Wirtschaft kühn. Doch lassen wir uns hier nicht von Rechenmodellen zur Erhebung solcher Fakten und Prognosen täuschen. Wie seit Menschengedenken und in jeder Staatsform bekommen selbst straffe mathematische Konstrukte eine weiche, ideologische Konsistenz, wenn es eng wird. Nein, objektiv betrachtet schwächelt die G7-Zone in allen Belangen. Nicht nur die südlichen Länder der Eurozone leiden offensichtlich an den Folgen der Innovationsschwäche. Wie sonst ist es zu erklären, dass der immer noch massenhafte Output an Ware aus diesen Gebieten keinen hinreichenden, weltweiten Absatz mehr findet. Auch die restlichen, ehemals führenden Industriestaaten haben oder hätten Refinanzierungsprobleme, würden sie nicht unablässig Geld in ein System hinein drucken, dessen Spielregeln sie selbst gestalten. 

RECHT DES STÄRKEREN

Den Aspekt des einseitigen Aufsetzens und Bestimmens der globalen Regeln sehen wir in dreifacher Hinsicht als eine wesentliche Ursache des bis dahin erfolgreichen Konzeptes der westlichen Welt an. Denn über die Möglichkeit des Bestimmens der Regeln lässt sich erstens festlegen, wer, wie, wann und zu welchen Konditionen mitspielen darf. Zweitens kennt der Bestimmer der globalen Regeln wie kein Zweiter die rechtmäßigen oder unrechtmäßigen Möglichkeiten, an den Bestimmungen vorbei zu agieren, um die für sich beste Position zu okkupieren. Drittens wird es einem dominanten System immer möglich sein, die enormen Risiken des Spiels an andere, nicht an diesem Spiel beteiligte Akteure, zu übertragen.

In der Realität gibt es für die Existenz dieses unsauberen Spiels Beispiele. Ob nun Sanktionslisten, die es ermöglichen, ungeliebte Mitbewerber meist unter Anschuldigung menschenverachtenden Handelns vom Spiel auszuschließen, oder Steueroasen, die es ranghohen Systemvertretern ermöglichen, zu unrechtmäßigen Konditionen zu agieren, oder aber die Handelsmodelle, die unter dem Vorwand der Wirtschafts- oder gar Entwicklungshilfe genutzt werden, um die ökonomischen- und ökologischen Defekte unserer Lebensweise in die armen Regionen der Welt zu verklappen.

RETURN DER DUMMHEIT

Gibt es kein relativierendes Regularium, kein adäquates Kontrollgremium, kein Gegengewicht zu den Protagonisten eines solchen Konstruktes, werden diese die Spirale der Dummheit – und nur so kann man das Abweichen von den eigenen Regeln nennen, wenn es sich im besten Fall um unbewusste Akzeptanz, denn um Vorsatz handelt – bis zur Überdrehung mit Energie versorgen. Dies führt dann zwingend zum nächsten Level – zu einer Form der Macht, die sich nun selbst darin legitimiert, die eigenen Regeln zu brechen. Einen ersten Schritt hin zu dieser Dystopie sind die westlichen Gesellschaften schon gegangen, indem sie privatwirtschaftlichen Unternehmen jüngst staatlich geförderte Subventionen wie Kurzarbeit, Rettungspakete, etc. offerierten, die ansonsten auf dem freien Markt schlicht nicht mehr konkurrenzfähig gewesen wären. Selbst diejenigen Verfechter der freien Marktwirtschaft forderten und konsumierten gerne diese staatliche Intervention, welche die Selbstregulierung des Marktes proklamieren und Einmischung des Staates ansonsten per se diskreditieren – wenn sichere Gewinne zu erwarten sind. Fatal erscheint diese Übervorteilung anderer zum Zwecke der eigenen Bereicherung vor allem deshalb, weil man damit langfristig die irreparable Schwächung der Funktionalität des gesamten Systems initiiert.

FATALER NEBENEFFEKT

Dass die real existierende Wirtschaftskraft nicht mehr kongruent zu der vom Staatsapparat holografierten Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft verläuft, wird dadurch deutlich, dass die Regierungen der G7-Staaten nicht mehr in der Lage sind, ein Milieu zu konfigurieren, Wohlstand zu erzeugen, der sich durch ein Gleichgewicht zwischen arm und reich definiert. Insofern ist es ausnahmslos allen westlichen Staaten schon heute nicht mehr möglich, ihren Menschen das zu bieten, was ihnen versprochen wurde – das ordinäre Konsumieren von Ware. Auch wenn die Betroffenen den schwindenden Magnetismus zwischen ihnen und dem doch eigentlich Wohlstand verheißenden System nicht verifizieren können, so spüren sie dessen Auswirkungen doch. 

Im Wissen um die daraus resultierende, unvermeidliche Spaltung der Gesellschaft in deutlich voneinander abgegrenzte arme und reiche „Kasten“, rechnen die Initiatoren dieser Situation die Entwicklung hoch. Mit der bis dahin größten und zugleich effektivsten Überwachungsmaschinerie, die je von Menschen initialisiert wurde, streben sie nun danach, den zu erwartenden Unmut in der Bevölkerung zu identifizieren mit dem einen Ziel: Diesen bei Bedarf im Keim zu ersticken. So war es zu aller Zeit und nur dem dienen solche Instrumente.

NACHDENKLICHER AUSBLICK

In der jüngeren Geschichte bedeutete das Brechen der eigenen Regeln immer auch das Scheitern des gesamten Systems – siehe Untergang der DDR. Auch in der DDR wurde Wasser gepredigt und Wein getrunken. Erst wenig und versteckt, dann viel und ungeniert – was die Menschen schlicht zu der berechtigten Annahme führte, ungerecht behandelt worden zu sein. Den Rest kennen wir.

Anzeichen dafür, dass das Brechen der eigenen Regeln auch schon in unserem System stattgefunden hat, gibt es mit zunehmender Tendenz. Sowohl die Verhaltensprofile so mancher Prominenter als auch normaler Bürger unseres Landes zeugen davon. Die Einen verklappen ihr Geld in Steueroasen, um der Zahlung von Steuern an den Fiskus zu entgehen. Die anderen gehen, so trivial das klingen mag, bei roter Ampel über die Straße – als Zeichen eines ersten kleinen Aufbegehrens gegen Regeln, die nun auch für sie nicht mehr maßgeblich sind. 

Bei dieser sanften Form der Respektlosigkeit gegenüber der Gesellschaftsordnung könnte es bleiben – die Menschen würden nicht intervenieren. Doch sollten die Grundfeste bersten, auf denen der Staatsfrieden unserer westlichen Gesellschaften aufgebaut ist und das Konsumieren von Gütern für den normalen Menschen nicht mehr in dem Maße möglich sein, wie es ihm versprochen wurde, wird der Frosch möglicherweise aus dem Wasserglas springen, wenn es ihm zu heiß wird.