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Leuchtenburg –

Die dreizehn Phasen der „Größten Vase der Welt“

posted by Llork


Phase 0: „Ich helfe gern“

Ein Künstler überließ einem anderen Künstler großzügig einen Auftrag – die Gestaltung der größten Vase der Welt. In dieser Zeit lief es bei letzterem Künstler aber gerade nicht richtig rund – Kunst, Freundschaften, Liebe, etc. – alles lag im Argen. Eigentlich prinzipiell nicht weiter dramatisch, für einen Künstler – denke ich. 

Diesmal war der Künstler überdurchschnittlich verzweifelt – seine Eitelkeit wurde verletzt. Gegen meine eigene Überzeugung, wonach verletzte Eitelkeit nicht unsachgemäß supported werden sollte, half ich ihm dennoch ganz nach kaukasischer Etikette, wo immer ich konnte und in der Gewissheit, dass die Ladung nach hinten losgehen könnte. Im Rahmen dieser verzwickten Lage erschien mir dieser Auftrag als seine Rettung – schlichte Arbeit macht Probleme bekanntlich graduell vergessen – das Schaffen echter Kunst löst sie auf.

Phase 01: „Reanimation einer im Scheitern begriffenen Künstlerpersönlichkeit“

Gemeinsam gingen wir das Projekt an. Das heißt, ich ging das Projekt an. Im Zuge dieser Maßnahme päppelte ich meinen Freund, streichelte seine Seele, baute ihn auf, verlockte ihn zur Zusage des Projektes und protegierte ihn als internationalen Kunststar vor den Auftraggebern. Das fand ich legitim, weil ich immer noch hoffte, dass es zu seinem Seelenheil als Sohn eines der renommiertesten russischen Künstler (Sie wissen was ich meine) einmal so sein wird.

Phase 2: „Unterwerfung“ 

Als hoch qualifizierter Produktentwickler diente ich mich (aus tiefster freundschaftlicher Zuneigung) als Fahrer, Konstrukteur und Planer an. Mein Freund hatte bis dato weder einen gültigen Führerschein oder eine planerische Kompetenz, noch war er dem Wesen von materiellen und immateriellen Stoffen auf den Grund gegangen. Lediglich etwas Erfahrung im Umgang mit kleinformatigen Porzellanobjekten konnte er zu diesem Zeitpunkt vorweisen. Insofern konnte ich hier nützlich sein, ohne ihn in der künstlerischen Position zu bedrängen (das geht bei mir sehr schnell, denn sobald ich mich interessiere, generiere ich Ideen in einer für die anderen unzulässigen Weise). Gerade Scheinkünstler fühlen sich hiervon existenziell bedrängt.

Phase 3: „Motivieren durch Initiative“

Mein Freund war immer noch auf Talfahrt, hatte respektive keine Kraft für die Kunst (vorweggenommen: das blieb auch so). Ich musste ran. Stellvertretend begann ich zu entwerfen. Nicht so wie ich im Rahmen von VERTIJET entwerfe! Eher so, wie es für ein Provinzmuseum angemessen erschien (die „größte Vase der Welt“ war für das Porzellanmuseum der Leuchtenburg, nahe Kahla, gedacht).

Phase 4: „Wer dominiert wen“

Nach Monaten des Nichtstuns – zwischenzeitlich war die Mutter des Künstlers aus einem fernen Land eine nicht unerheblich lange Zeit zu Besuch gewesen und frischte seine kaukasischen Gene wieder auf (um so die Krise noch zu verschlimmern)…

…klickte sich aus irgendeinem Grund der alte Traum vom international renommierten Künstler in das Bewusstsein meines Freundes und somit der innigste Wunsch, von den Kritikern in New York, Rio, Tokio gefeiert zu werden (das ist nichts Schlimmes, das hoffen wir doch irgendwie alle).

Mit der „Größten Vase der Welt“ könnte nun nicht nur ein Platz im Museum sondern eventuell auch ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde in greifbare Nähe rücken – so das Kalkül –  überdies möglicherweise sogar ein signifikanter Platz in der „Hall of Fame“ der internationalen Kunstszene…

So schwer sie also fällt – die eigene Idee – sie musste her. Gesteuert von dieser Verheißung betrat mein Freund endlich wieder in gewohnter Weise die Bühne und begann mit aller Gewalt und ungeachtet all seiner bald neunmonatigen Versäumnisse, erstmals seinen Platz im Team zu beanspruchen. Entsprechend diesem neuen Klima, in dem die naiven Gedanken eines Designers denen des Künstlers in keiner Weise gerecht werden können, respektive für einen künstlerischen Ansatz auszuschließen sind, (diese scheinkünstlerische Attitüde hatte ich schon im Studium begriffen) zog ich mich in liebevollem Respekt in die mir nun eindeutig zugeteilte Position des Umsetzers zurück.

Phase 5: „Verwechslung“

Nach ersten richtungslosen Recherchen im Internet stieß mein Freund auf die nötige Inspiration. In den spektakulären Wolkenkratzern der Megacitys fand er ein Vorbild für die spätere Form der „Vase“. Da auch der von der Leuchtenburg vorgesehene Raum für die „Größte Vase der Welt“ über eine gewisse Enge verfügte, erschien eine schlanke Bauform schlüssig. Überzeugt von der Einmaligkeit seiner Ideen, die er laut seiner Überzeugung immer nur aus seinem eigenen Geiste schöpfte (Verwechslung Nr. 1), beanspruchte er die Übertragung des Konstruktionsprinzips der Schachtelhalme auf ein artifizielles Objekt, ohne Verweis auf die ursprünglichen Quellen, für sich (Verwechslung Nr. 2).

Das hielt ich nicht für sonderlich intelligent, denn sollte das Projekt zu der erhofften Wirkung führen, würde jeder „Wald- und Wiesenarchitekt“ sowie jeder Kritiker doch wissen, dass schon Sullivan sich von Bloßfeld inspirieren ließ, der wiederum die Natur studierte, etc. …

Trotz der mir seit Jahren bekannten Tatsache, dass mein Freund in diesen Momenten der Berauschung durch die Effekte des ordinären Einfalls, gerne Stolz mit Hochmut verwechselte oder Haltung mit dogmatischer Ignoranz, also den Entwickler mit dem Bewahrer, oder aber den Künstler mit dem Opportunisten verwechselte – die eine Gruppe zeichnet sich durch das Generieren einer Idee aus, die andere dadurch, dass sie dem Einfall frönt, der die Idee unter dem Deckmantel der legitimen Inspiration adaptiert – mochte ich an ihm immer genau diese respektlose Attitüde. Denn wenn sie rechtmäßig angewendet wurde, suggerierte sie so etwas Großartiges, Unangepasstes und Überlegenes. Verwendet ein eigentlicher Künstler diese Methode der Respektlosigkeit, kann in Folge dessen wirkliche Kunst entstehen. Verwendet ein uneigentlicher Künstler (ein Handwerker) diese Methode, wird das Ergebnis immer etwas Eklektisches sein (ich hoffte immer noch auf die Geburt eines eigentlichen Künstlers).

Phase 6: „Wo ein Körper ist, kann kein anderer sein“

Hätte, wäre, könnte – es kam anders. Obwohl mein Freund einen Einfall hatte (ein hohes Porzellanobjekt in Projektilform, welche sich von den zahlreichen urbanen Hochhauskonstruktionen der Megacities ableitete), war seine existenzielle Talfahrt noch nicht vorbei (privat). Er benötigte seine ganze Kraft, um sich bei seiner Abfahrt einfach nur auf den Beinen zu halten. Dementsprechend wenig Potenzial blieb an anderer Stelle übrig, um die Kunst und die Zwischenmenschlichkeit auf einem adäquaten Niveau zu betreiben. 

Bezüglich der Kunst wurde ihm wohl mehr und mehr bewusst, dass ein Adaptieren und neu Verpacken des Geistes eines anderen (z.B. die Übertragung des Formenprinzips der Flora des Mesozoikums durch Architekten, respektive die unzitierte Übernahme von signifikanten Konstruktionsideen – das graduelle Konstruktionsprinzip 3D-Wabenstruktur kam von VERTIJET / den Persern) einer eigentlichen künstlerischen Leistung nicht gerecht wurden.

Bezüglich der zwischenmenschlichen Beziehungen hatte eben dieser Aspekt größte Auswirkungen auf unsere gemeinsame Konstellation. Da ich mit Blick auf die mögliche Bedeutung des Projektes immer wieder sein bis dato nicht vorhandenes künstlerisches Sujet anmahnte, er aber immer noch keine wirkliche Auseinandersetzung mit der Materie vollzogen hatte (…Was ist Kunst im Allgemeinen? …Wie müsste mit Porzellan gearbeitet werden, wenn diese Material ein künstlerische Sujet widerspiegeln sollte, …etc.), war eineZäsur sicherlich unausweichlich.

Phase 7: „Totale Unterwerfung“

Da war er wieder, mein Eigensinn. Weder über das unambitionierte Schachtelhalm-Sujet noch über die rapide mutierende Persönlichkeit meines Freundes, war ich also amused. Dennoch, mein Freund war wie ein Bruder für mich. Ich wollte tun, was ein Freund tun kann – gab also meine Ambitionen auf, um meinen Freund zu retten (wie lieb von mir).

Phase 8: „Prinzip Hoffnung“

Die Grundform stand. Das Material Porzellan gab den Tenor vor. Weil die von mir forcierte Komplettform aus einem Stück (ca. 23 Mio. € und 5 Jahre Bauzeit) schon gar nicht unter den Umständen des Finanzierungsrahmens möglich gewesen wäre, die von meinem Freund favorisierte Lösung der Legostein-Konstruktion technisch nicht realistisch erschien und ich seit einigen Jahren mit zwei- und dreidimensionalen Wabenstrukturen experimentierte (typisch Designer), ich diese Strukturen überdies auch CAD-basiert konstruieren konnte, konzentrierten wir uns aus dem künstlich indizierten Mangel an Alternativen auf diese Art und Weise der Umsetzung.

Wie immer, wenn man nicht intrinsisch motiviert handelt, etwa ein Großes und Ganzes aus den Adaptionen inhaltlich möglicherweise sogar divergierender Einzelteile kombiniert – ich nenne dies den „Frankenstein-Effekt“ – kommt es über kurz oder lang zu Synchronisationsinterferenzen. In diesem Fall kollidierte die, bei allen Irrungen und Wirrungen, noch intakte Künstler-Attitüde mit der des Visionärs (der ja – paradoxerweise – immer nur die die Realität vertritt). So wurde z.B. die vom graduell agierenden Konstrukteur und Materialspezialisten vorgeschlagene, gleichschenklige 3D-Wabenkonstruktion zu Ungunsten rein formal ambitionierter, gestreckter Waben festgelegt und die vom graduell agierenden Statiker als zwingend notwendig erachtete Metall-Unterkonstruktion für das 8 m hohe Objekt kategorisch durch den Künstler verneint – um nur die eklatantesten Fehler im System zu benennen.

Trotz dieser und zahlreicher weiterer Fehlentscheidungen, die offensichtlich nicht mehr aus einer souveränen Wahrnehmung indiziert wurden, entwarf und konstruierte ich für meinen Freund ganz nach dessen Wünschen in tiefster Hörigkeit, denn mir gefiel immer noch seine Kraft, selbst die deutlichste Dummheit durchfechten zu können. Dennoch. Je mehr ich mich für das Projekt engagierte – das komplette Projekt war nur mit einer gewissen CAD-Kompetenz zu realisieren – um so mehr zweifelte mein analog denkender Freund an mir. 

Phase 9: „Der Bruch“

Nach der Motivation meines Freundes, dessen Huldigung vor den Auftraggebern, dem Ausarbeiten und Verhandeln der Rahmenbedingungen (Verträge, Zeitpläne, ja der gesamten Organisation), dem Entwurf und der Konstruktion des Objektes, dem Konzipieren und Simulieren des Beleuchtungskonzeptes (nebst Recherchieren und Kontaktieren der Ausführenden Unternehmen), dem Konzipieren des Merchandising-Prinzips (heute lebt mein Freund beinahe ausschließlich von dieser Idee), dem Konzipieren der Drehbarkeit- und Spieglung des Objektes, etc., etc., etc., kam es dennoch zum Showdown. Mein Freund offerierte mir, wenn ich weiter so aufmüpfig sein nicht vorhandenes Sujet in Frage stellte, würde es schwierig sein, weiter mit mir zu arbeiten. 

Phase 10: „Tiefste Traurigkeit“

Damals verstand ich die Welt nicht mehr. Ich riskierte meine Existenz (der Job brachte nicht einen Bruchteil dessen ein, was ich an Lebenszeit investierte) und mein damals bester Freund stößt mir ein Messer in den Rücken.

Phase 11: „Fazit“ 

Heute kann ich dieses Ereignis sehr gut einordnen. Ich habe begriffen, dass die Legitimation meines Freundes innerhalb des Projektes in dem Maße sank, wie meine Legitimation auf Grund meines überproportionalen Engagements anstieg. Wohl deshalb präsentiert sich die „Größte Vase der Welt“ auch so formal, designmäßig, stylisch, oberflächlich – eben wie von einem Designer gedacht! 

Ihre designtypische Attitüde erscheint darüber hinaus vor allem aber deshalb so tragisch, weil die Abstinenz des künstlerischen Sujets den im Fokus stehenden Autor mehr als eine außerordentlich handwerklich begabte Persönlichkeit auszeichnet, denn als einen Künstler – die klassische (historisierende) Verarbeitung des Materials Porzellan (kleine Formen, weiß, kobaltblau und gold) und die vielen zusammenhangslosen (handwerklich aber großartig verfassten) Illustrationen zeugen davon („Fabergé-Vase“).

Phase 12: „Der Märtyrer“

Eigentlich trete ich bei diesem Projekt offiziell nicht in Erscheinung. Dies ist aber nicht der eigentliche Märtyrer-Aspekt(immer haben sich viele Personen und Unternehmen an meinen Ideen bereichert, ohne mich angemessen zu honorieren). Das größere Opfer ist die Offenlegung dieser dem Projekt impliziten Ungeheuerlichkeit. Denn nun werden alle mit meinem Freund stehen und Mitleid haben, ob der Entblößung so privater Dinge. Darüber hinaus wird man mich als einen larmoyanten, schlechten Verlierer sehen.

Phase 13: „Der Stärkere hilft dem Schwächeren“

Ich aber lebe in der Gewissheit, dass ich der Starke bin. Denn wenn mein Freund durch den Verlust unserer Freundschaft damit beginnt, nicht nur sich selbst zu lieben sondern auch andere Menschen zu achten – das darf man nicht verwechseln mit der dem Künstler inhärenten Respektlosigkeit und Intoleranz gegenüber uneigentlichen Prinzipien – ja wenn er irgendwann die Kraft besitzt, doch noch vom Handwerker zum Künstler zu konvertieren, weil er begriffen hat, dass Hochmut das Gegenteil von Stolz – und dass Demut die Diametrale zu Schwäche bedeutet, dann haben all diese Schmerzen einen Sinn gehabt.

Daran glaube ich! Llork


Grundform / Konzept / Detail

Konstruktion / Beleuchtung / Impressionen

Resultat

Vergleich

Entwurf / Resultat

Entwurf / Resultat