Die korrumpierende Wärme der Mitte

Die korrumpierende Wärme der Mitte

Der Pinguin-(D)Ef(f)ekt

posted by SOG

 

So kann man das Phänomen nennen, das die Ignoranz und das "Nicht-sehen-wollen" bildhaft fasst. Ich habe mich gefragt, wie ich selbst so lange – bei aller Kritik am Ist-Stand, die nicht mehr als eine punktuelle Betrachtung war – an die Belebtheit von Demokratie, sozialer Marktwirtschaft, Humanismus, ... geglaubt habe. Ich habe gehofft. Und ich wurde darin bestärkt.

Glauben machen ist eine Handlung, die das vorherrschende System aktiv betreiben muss, je stärker es an seinen Zenit gelangt – erst recht, wenn es darüber hinaus und in der Phase der Pervertierung ist.

Wir stellen uns dazu auf und fassen uns an den Händen. Am liebsten nehmen wir die Hände der Menschen/Institutionen, die uns am ähnlichsten sind. Ähnlichkeit ist sympathisch und verbindet.

Es glaubt der am meisten, der nicht zweifelt.
Und es zweifelt der am wenigsten, der keinen Anlass dazu hat.

Es hat noch einmal so lange gedauert, bis ich verstanden habe, warum Menschen (intelligente, einflussreiche, wohlhabende, aktive, progressive) den Perspektivwechsel meiden. 

Dem Pinguin in der Mitte ist schön warm. Manchmal wird ihm eng und er streckt seinen Kopf oben raus. Dabei sieht er an den Rändern die zitternden und bereits erfrorenen Pinguine. Ein Schauer läuft ihm über den Körper ob der kurzfristigen Empathie oder auch nur der Vergegenwärtigung der eigenen Gefährdung. 

Die gnadenlose Kälte – ohne Gott und Sinn des Lebens – führt dazu, das Sichtbare (Unrichtige) zu verdrängen, indem man die Augen schnell wieder schließt, sich abduckt und die (Rest-)Wärme zur Sicherung der eigenen Existenz nutzt.

Anfangs zieht er langsamer, bei Wiederholungen immer schneller, den Kopf zurück und bildet ein Verhaltensmuster – besser gesagt, ein Verdrängungsmuster heraus. In zweifacher Hinsicht: Er versucht, die Gefahr der Kälte und die Empathie gegenüber den Kälteopfern* zu vergessen und er redet sich die erstickende Enge schön (Hinweis: zu viel Wärme macht den Menschen unfruchtbar).

*Zum eigenen Vorteil glaubt der in der Mitte stehende an die theoretische Idee der Demokratie, jeder könne in der wärmenden Mitte stehen. Aber von außen in die dicht umworbene, enge Mitte zu gelangen, ist ausgeschlossen. Aber das wollen wir lieber nicht glauben und verklausulieren die Erfahrung mit dem Recht auf Bildung für gleiche Chancen für alle, freien Wahlen und ab und an einem Bauernopfer.

Die real existierende Demokratie in den westlichen Kulturen:

Aus der Vermischung des solidarischen (Pinguinprinzip) und des hierarchischen (Bienenstrategie) führt durch die Verwechslung zu einem egoistischen System.


Zusatz

Das Pinguin-Prinzip

Zur Erhaltung der Art verlassen die Pinguine aus der Mitte ihre Position und gehen an den Rand. Ein weiter außen stehender Pinguin rutscht weiter in die wärmende Mitte. So wird es jedem mal warm, mal kalt. Das ist ein solidarisches Grundprinzip, das ein demokratisches Gesellschaftssystem als angemessen und plausibel erscheinen lässt. 

Darin liegt auch der Unterschied zwischen Mensch und Pinguin. Der Mensch verlässt ums Verrecken nicht die wärmende Mitte. Er konterkariert das Prinzip, indem er die Prämisse des Positionswechsels nicht einhält (Verletzen der eigenen Regeln – siehe Llork).

"Unser Glück" 2004/05, Lichtkasteninstallation 3 x 4 m; 

"Unser Glück" 2004/05, Lichtkasteninstallation 3 x 4 m; 

In der Erörterung der Analogie von Mensch und Pinguin fällt mir auf, dass es auch ein anderes Prinzip zum Vergleich gibt:

Die Strategie der Bienen 

In der Mitte sitzt die Königin der Bienen. Sie wird beschützt, da ihr Überleben das Überleben des Bienenvolkes bedeutet, weil alles Leben – neues Leben – von ihr ausgeht. In Zeiten der Kälte scharen sich alle Bienen um die Königin und wärmen sie. An den Rändern erfrieren die Bienen zu Gunsten ihrer Königin.

Die Verwechslung

Die Verwechslung kommt aus den Grundsätzen der Demokratie, der Gleichheit aller Menschen. Das bedeutet auch, dass ich der Königin gleich bin. Wir ziehen aus dieser Idee die falschen Schlüsse, verwechseln uns mit der Königin und sind bei aller Egozentrik nur am eigenen Leben interessiert – und das zunehmend. 

Das bedeutet, jeder einzelne, Gleiche muss beschützt werden. Dafür haben wir solidarische Elemente (soziale Tools) etabliert. Aber die Kälte rückt heran und plötzlich ist der, der wärmend hinter mir stand, weggefroren und ich versuche mich vor den zu drängen, der eben noch neben mir an der Hand stand. 

Es kommt zur: 

Vermischung (nach Llork)

Wir stellen fest: In der Zeit der Kälte versucht jeder in die Mitte zu kommen, weil er sich voller Inbrunst mit der Königin verwechselt und um sein eigenes Leben ringt. Dabei stellen wir vom solidarischen Pinguin-Prinzip auf das hierarchische Bienensystem um – allerdings mit der Verwechslung. Denn das Hierarchische basiert auf der Ungleichheit. Da wir aber die Vorteile der Gleichheit mit den Vorteilen der Ungleichheit zum maximalen Eigenvorteil zu ziehen versuchen, vermischen wir kunterbunt beide Prinzipien und sorgen in unserem Denken, Handeln, Diskutieren, Fordern, Wünschen für eine unauflösbare Verfilzung.

In der Realität von Rand und Mitte

Es existieren derzeit beide Prinzipien:
Je stärker am Rand, desto reiner die Sehnsucht nach dem Pinguin-Prinzip: Hoffen auf einen Platz in der Mitte.
Je stärker in der Mitte, desto stärker das Bienenprinzip: Glauben an das erworbene Recht des Platzes in der Mitte.

Wer überlebt dabei am längsten?